• Danger

Die Qualität von Zeit


Lieber Sorson,

so viele Dinge haben wir geplant und in die Wege geleitet für unsere Herbstferien 2021. Gross waren die Pläne – wären da nicht diese fiesen kleinen, im Herbst nicht unüblichen Virchen und Bazillen gewesen.

Bereits während unseres ersten Ausflugs zu Tante Lorie brach das Fieber bei dir aus. Ojemine... Sowas! Nach einer anstrengenden Nacht mit viel Unwohlsein und wenig Schlaf machten wir uns am nächsten Morgen schon früh wieder auf den Weg nach Hause, damit du dich dort gut ausruhen und erholen konntest. Es folgte das klassische Krankheitsprogramm: Viel Schlaf, Pyjama-Look den ganzen Tag, kuscheln und knuddeln, Tee trinken ohne Ende, extra Fernseh-Zeit, Spiele spielen und alle 73 Bücher angucken. Waren diese gelesen: Zurück zu Buch 1.

Ach, du tapferer kleiner Sorson!


Nach einigen Tagen hattest du dich wieder gefangen und erholt.

Wir waren wieder im Spiel! *tötörööö* Herbstferien, wir kommen!

Deine Temperatur war wieder im normalen Bereich und du wieder auf dem aufsteigenden Ast. Oh yeah! Bei mir hingegen:


*hüstel, hüstel*

*imhalskratz*

*frier*

*schwitz*


Komisch. Ich sollte mal meine Temperatur überprüfen.

Ein Blick auf das Thermometer: 39.5°C!

Jetzt, wo du wieder gesund bist, werde ich krank.

So ein Mist!!1!11!!elf!


Wie leid es mir tut, lieber Sorson! Hatten wir doch solch' grosse Pläne für unsere Ferien. Und nun hockten wir immerzu zuhause und hüteten die Wohnung.

Gut, das Wetter war eh mies: Anstatt goldener Herbsttage hatte das Wetter ein kontrastloses grau in grau mit kühlem Nordost-Wind und Nebel so dick wie Schafwolle für uns parat – die Vorstellung von Herbst war eine andere.


Doch zu meinem Erstaunen hattest du dich nie beklagt. Im Gegenteil. Du sagtest, dass du die Ferien schön findest: Zuhause sein, Spiele spielen und Unsinn machen. Einfach planlos in den Tag hineintrödeln. Als ich das hörte, staunte ich nicht schlecht und wurde nachdenklich.


Immerzu hatte ich als Erwachsener das Gefühl, dass du als Kind bespasst werden möchtest. Auf keinen Fall soll Langeweile aufkommen, denn das wäre ein Versagen der Freizeitgestaltung. Mit deiner Aussage jedoch hast du mir ein Stück weit die Augen geöffnet und mir etwas Wichtiges beigebracht: Unter der Hektik des Spass-Habens kann die zwischenmenschliche Beziehung leiden. Muss nicht – aber kann.

Denn was haben wir in dieser Woche des Krankseins erlebt? Entschleunigung, gegenseitige Unterstützung, Zuneigung und Vertrauen. Wir waren Tag und Nacht füreinander da und gaben uns Geborgenheit und Kraft; Neue Facetten unserer Beziehung sind entstanden, bestehende wurden gefestigt.


Rückblickend werde man sagen können, dass die Herbstferien 2021 ein kompletter Flop waren: Alle beide krank, müde und schwach, das Wetter kalt, neblig und nass.

Diese Ansicht wäre aber falsch! Denn wenn ich einst zurückblicken werde auf diese Schnudernasen-Ferien 2021, werde ich mich an die Momente erinnern, in denen du dich Schutz und Geborgenheit suchend dicht an mich geschmiegt hast und während mehrerer Tage nicht mehr von meiner Seite gewichen bist. Fest habe ich dich umarmt, gestreichelt und Lieder für dich gesummt. Dir gesagt, dass alles schon bald wieder besser werden wird. Vertrauen und Liebe ist entstanden. Momente des Leidens wurden mit der Gewissheit geschmückt, dass wir nicht alleine sind und das zusammen durchstehen werden.


Ich umarme dich!


Für die Zukunft habe ich gelernt, dass die Qualität von Zeit nicht darin besteht, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Eindrücke von verschiedenen Freizeitparks und Abenteuerspielplätzen zu sammeln. Die Qualität unserer gemeinsamen Zeit wird durch unsere Teilnahme an der Welt des Gegenübers geprägt. Alles was dazu benötigt wird, ist aktive Beteiligung, geistige Anwesenheit und aufrichtiges Interesse an den Gedanken und dem Tun des anderen. Tag für Tag entwendet sich die Zeit selbst, kaum merklich, aus unseren Leben und wandelt Erlebnisse in Erinnerungen um. Geschichte entsteht, welche niemals mehr verändert werden kann. Spätestens mit dieser Erkenntnis muss einem klar werden, dass Momente und Erinnerungen endlich sind. Sie sind zu wertvoll, um nicht mit voller Hingabe gelebt zu werden.

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